Der Weinhandel in der Schweiz ist ein Milliarden-Business. Im Schnitt trinken die Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr 2,8 Millionen Hektoliter Wein und geben dafür um 1,5 Milliarden Franken aus (ohne Gastronomie).
Der Umsatz-Kuchen war dabei in den letzten Jahren klar und unverrückbar verteilt: Die grössten fünf Weinhändler teilen rund 90 Prozent des Marktes unter sich auf (geschätzte Umsätze):
- Coop, 600 Mio. Franken (ca. 40 % Marktanteil)
- Denner, 500 Mio. Franken (ca 30 % Marktanteil)
- Manor, 150 Mio. Franken (ca 10 % Marktanteil)
- Mövenpick, 100 Mio. Franken (ca 6 % Marktanteil)
- Schuler, um 75 Mio. Franken (ca 5 % Marktanteil)
Um die restlichen Umsatz-Millionen balgen sich gegen 2800 weitere Weinhändler. Viele arbeiten als Spezialisten erfolgreich in kleinen Nischen. Gegen die grossen bleiben Sie im Massenmarkt aber chancenlos.
Online-Markt: Kleine vorne mit dabei
Bis jetzt: Neue Technologien und Services – Internet, Mobile Internet, Online-Shops, Preisvergleiche, etc. – verändern das Konsumverhalten und eröffnen neuen Anbietern am Markt Chancen – auch kleinen.
Das Paradebeispiel hier ist Flaschenpost: Dominic Blaesi und Denner-Enkel Renzo Schweri hatten die gute Idee und starteten 2007 mit der Plattform Flaschenpost.ch. Auf dieser lassen sich in einem Shop Weine von über 50 Händlern bestellen, darunter nahmhaften wie Mövenpick, Schuler oder Baur au Lac-Wein. 50 Händler, ein Shop, eine Lieferung, eine Rechnung – so lautet das Erfolgsrezept der beiden Jungunternehmer. Und das Geschäft wächst: Seit dem Start 2007 haben die Umsätze satte 275 Prozent zugenommen – pro Jahr.
Ob die Flaschenpost-Zahlen auch in Franken so attraktiv aussehen, bleibt Geschäftsgeheimnis. Wenn es ums Geld geht, ist die Branche äusserst verschwiegen. Es scheint, dass es hierzulande inzwischen einfacher ist, das Bankgeheimnis zu knacken als an Umsätze von Online-Weinhändler zu gelangen.
Trotzdem wagt weindegu.com, nach Recherchen und dem Einholen von verschiedenen Schätzungen, den Versuch einer Rangliste samt Beurteilung der Online-Top-Player. Die Rangliste sieht etwas anders aus als im Offline-Weinhandel:
1. Delinat, Umsatz gut 40 Mio. Franken, 300 Weine online
Der klassische Biowein-Versandhändler ist etabliert und setzt 95 % seines Umsatzes online/per Versand um. Mit der Übernahme des Konkurrenten Küferweg ist ihm ein Coup gelungen. Delinat konnte so die Marktposition weiter stärken. Die USP von Delinat sind das Biowein-Angebot, die etablierten Probier-Pakete und die treue Kundschaft. Mit dem konsequenten Nutzen der neuen Internet-Technologien scheint die Firma aber noch etwas zu hadern. Immerhin: Sie probieren es aus – z. b. im Bereich Video -, wenn auch das Resultat teilweise etwas handgestrickt wirkt. Umsatzzahlen gibt Delinat als Familien-AG nicht bekannt.
2. Mövenpick, „guter Online-Anteil“ an den 100 Mio. Franken Umsatz, 1000 Weine online
Mövenpick verfügt über wenig Läden, nutzt deshalb den Online-Verkauf konsequent. Haupt-Umsatztreiber ist dabei der Verkauf via Newsletter, damit erzielt Mövenpick 40 Prozent des Online-Umsatzes. Die Online-Umsätze wachsen zu den Offline-Umsätzen überproportional. Eher ab dem mittleren Preisniveau aufwärts tätig, trifft Mövenpick die Bedürfnisse der im Vergleich zu den Offline-Kunden kaufkräftigeren Internet-Kunden stärker als Billig-Anbieter. Und: Mövenpick besticht durch den frischen, professionellen Online-Auftritt.
3. Coop, 20 Millionen Franken Umsatz, 1000 Weine
Wein gehört bei Coop zum Renner im Online-Shop coop@home: Der Umsatzanteil von Wein beträgt fast 30 Prozent. Im Vergleich zum Offline-Weinumsatz ist die Menge aber noch gering: Der Marktleader verkauft erst um 4 Prozent seiner Weine online. Die Online-Umsätze legen aber rasch zu. Der Online-Shop coop@home.ch hat den Umsatz von 2001 bis 2010 von 1 auf 67 Millionen Franken gesteigert. Alleine im 1. Quartal 2010 konnte der Umsatz um weitere 14 Prozent gesteigert werden.
4. Denner, 0 Millionen Franken Umsatz, 350 Weine
Denner ist – was das Online-Weinshopping angeht – ein Spätzünder: Der Discounter und die Nummer 2 im Weinhandel hat den Online-Weinshop erst im Frühling 2010 aufgeschaltet. Dass Denner trotzdem in dieser Rangliste erscheint, hat folgenden Grund: Wir trauen dem Discounter zu, innerhalb von kurzer Zeit auch online zu den Grossen aufzusteigen. «Der Einkauf übers Internet gewinnt ständig an Bedeutung, dies insbesondere auch im Weinbereich. Deshalb wollen wir in diesem Bereich eine aktive Rolle spielen», sagte Peter Bamert, CEO Denner AG, zur Lancierung des neuen Denner Wineshops.
5. Flaschenpost, Umsatzsteigerung pro Jahr +275 Prozent, 8000 Weine
Die Verkaufsplattform poolt über 50 Weinhändler und hat mit 8000 Weinen das grösste Online-Sortiment. Flaschenpost beweist, dass man mit einer guten Idee (und etwas Kapital im Hintergrund), den Online-Markt bewegen kann. Vom Ziel, «Amazon des Schweizer Weinhandels» zu werden, ist Flaschenpost umsatzmässig wohl noch entfernt, doch wenn die Jungunternehmen so weitermachen und weitere, gute Partner an Land ziehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es so weit ist.
Konkurrenz steht in den Startlöchern
Die Rangliste ist eine Momentaufnahme und gilt – eine Charakteristik im Online-Business – wohl nicht lange. Anders als im Offline-Geschäft sind online Ideen und Schnelligkeit Faktoren, der rasch über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Nebst den erwähnten Anbieter gibt es noch zahlreiche andere, die in einer guten Postition stehen, um die ersten 5 schon bald vom Sockel zu stossen.
- Online-Spezialisten wie Romazini.ch: Ebenfalls zwei Jungunternehmer, die zwar nicht mit tausenden von Weinen brillieren, dafür umsomehr mit dem Angebot – bekannte Top-Weine zu günstigen Preisen – und einem Top-Onlineshop, der die Möglichkeiten des Internets konsequent umsetzt. Gemäss der ersten unabhängigen Online-Shop Studie 2010 der E-Commerce Berater Carpathia und Interactive Friends ist Romazini.ch gar der beste Online-Weinshop der Schweiz. Manch ein grosser Anbieter könnte sich an Romazini ein Vorbild nehmen.
- Die kleinen Grossen, wie Schuler, Schubi-Wein, Manor, Globus oder LeShop: Sie alle (und weitere) verfügen über ein grosses Potenzial, im Online-Markt tüchtig mitzumischen, sei es wegen der Marke und Marktdurchdringung (Manor, Globus, LeShop) oder dem guten Online-Sortiment (Schuler, Schubi-Wein – letzterer mit über 3000 Weinen online!).
Das Gerangel am Markt nimmt zu
Die Online-Umsätze sind – im Verhältnis zum 1,5-Milliarden-Weinmarkt – noch gering. Branchenleader Coop etwa erzielt wie erwähnt erst 3,5 Prozent des Weinverkaufs via coop@home.
Das iPhone – die Schweiz verfügt mit 750′000 verkauften iPhones über die weltweit grösste iPhone-Dichte – hat dem mobilen Internet zum Durchbruch verholfen. iPad und andere Geräte folgen – und plötzlich ist das Internet überall, was die Konsumgewohnheiten stark verändert. Und weil Wein zu den Favoriten des Internet-Shoppings zählt, entsteht so etwas wie eine Goldgräberstimmung.
Immer mehr Anbieter versuchen ihr Glück. Auch der eine oder andere Grosse, möchte neu auf den Schweizer Markt drängen. So der deutsche Weinriese Hawesko (Umsatz rund 500 Mio. Franken). Hawesko hat unlängst den Zürcher Weinhändler GlobalWine übernommen und sich so einen Zugang zum Schweizer Markt verschafft.
Das Gerangel im Online-Markt nimmt zu – und manch ein Händler wird kommen und wieder gehen. Mittelfristig würden sich aber «die Marktanteile auf wenige Player» verteilen, die ein attraktives Angebot, guter Service und Professionalität bieten, glaubt Flaschenpost-Gründer Dominic Blaesi. Noch werden die Karten im dynamischen Online-Weinhandel aber gemischt – und wer zum Schluss das As gezogen haben wird, zeigt sich erst in ein paar Jahren.



3 Antworten bis jetzt ↓
1 Tweets that mention Online-Weinhandel: Wer spielt vorne mit? -- Topsy.com // Jul 7, 2010 at 13:49
[...] This post was mentioned on Twitter by Flaschenpost, weindegu. weindegu said: Online-Weinhandel: Wer spielt vorne mit?: http://www.weindegu.com/?p=741 via @addthis #wein #onlinewein #tdegu #eshop [...]
2 Weinhandel: Untreue Online-Kunden // Jul 12, 2010 at 10:57
[...] Online-Weinhandel: Wer spielt vorne mit? [...]
3 Wein: Aldi und Lidl lassen Coop und Denner kalt // Jul 22, 2010 at 14:33
[...] Online-Weinhandel: Wer spielt vorne mit? [...]
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