Die Weinexperten, -päpste und -gurus überbieten sich mit der Beurteilung des Boreaux-Jahrganges 2009 förmlich; vom Jahrhundert- oder Jahrtausendjahrgang ist die Rede, vom besten aller Zeiten. Entsprechend schnellen die Preise für die französischen Gewächse in die Höhe und erreichen Preise wie noch nie. Zu recht? Nein, meinen einige wenige, die nicht in den Chor der Bordeaux-Jubler einstimmen wollen.
Einer davon ist der Schweizer Bordeaux-Spezialist Rolf Reichmuth von der gleichnamigen Weinhandlung. Er schreibt: «Das Einstimmen in den gegenwärtigen Lobgesang ist zwar kommerziell lohnenswert; letzlich entscheidend ist aber nicht, wie sich die Weine heute präsentieren, sondern was sie nach der Flaschenfüllung zu bieten haben.»
Bordeaux 2009: Vorgaukeln unbekannter Tatsachen
Es komme niemandem in den Sinn, ein nicht gedrucktes Buchmanuskript, eine Theaterprobe oder eine ungekochte Mahlzeit zu kritisieren. Stets wartet man auf das vollendete Werk. Nicht so beim Bordeaux: Derzeit kann erst der noch unfertige Jungwein beurteilt werden. Der Wein steht noch in seiner vollen Entwicklung. Mit der relativ präzisen Beschreibung und Punktebewertung einzelner weniger Muster eines noch unfertigen Weines, wird etwas vorgegaukelt, das bei der Flaschenabfüllung vielleicht gar nicht mehr vorhanden ist.
«2009 ist bestimmt ein grosser Jahrgang», zitiert Reichmuth den Bordeaux-Kenner Michel Labardin. «Aber es ist viel zu früh, Anfang April das Potenzial eines Weines exakt beurteilen zu wollen. Ein Muster repräsentiert niemals eine gesamte Ernte von 500, 1000 oder mehr Hektolitern und auch der ehrlichste Propriètaire ist nicht in der Lage, jenen Wein zu bemustern, den er 18 Monate spater in die Flasche füllen wird. Zudem waren einige Partien noch im biologischen Säureabbau, also nicht degustierbar und wurden verständlicherweise auch nicht präsentiert. Präzise Kommentare und eine exakte Punktebewertung für ein unfertiges und unstabiles Produkt sind deshalb nicht nachvollziebar.»
Auf ältere Jahrgänge ausweichen
Die April-Degustationen des neuen Bordeaux – Händler, Journalisten, Importeure aus der ganzen Welt reisen an, um den neuen Bordeaux zu degustieren – ist deshalb eher ein gigantischer Marketingevent als abschliessende Beurteilung der künftigen Weine. Zu diesem Zeitpunkt werden die Preise gemacht. Und 2009 sind die kräftig nach oben geschraubt worden. Im Durchschnitt kosten die Weine der rund 100 berühmtesten Namen 70% mehr als die 2008er. Gegenüber dem 2005er, dem letzten grossen Jahr im Bordelais, beträgt der Aufschlag immer noch zwischen 20 und vereinzelt 50%. Von den bekannten Klassikern leistet sich Château Lafite-Rothschild die unverschämteste Erhöhung: Der Premier Cru classé aus dem Pauillac kostet über 300% mehr als im Vorjahr.
Das Weinhaus Reichmuth empfiehlt daher, die Angebotslisten auch auf ältere Jahrgänge zu durchforsten, wo es gute Bordeaux zu fairen Preisen zu finden gibt. Und, selbstverständlich, wer sich die eine oder andere Flasche 2009er sichern will, profitiert vom unbestritten guten Jahrgang. Es muss ja nicht immer nur ein Top-Château sein, um das sich auch die Russen und Chinesen balgen. «2009 gibt es in allen Appellationen eine grosse Auswahl hervorragend vinifizierter Gewächse zu durchaus vernünftigen Notierungen», so Reichmuth.



1 Antwort bis jetzt ↓
1 Tweets that mention Bordeaux 2009 – versprechen die Weingurus zu viel? -- Topsy.com // Jul 19, 2010 at 13:43
[...] This post was mentioned on Twitter by Stefan Schwytz, weindegu. weindegu said: Bordeaux 2009 – versprechen die Weingurus zu viel?: http://www.weindegu.com/?p=771 via @addthis #wein #bordeaux2009 #tdegu [...]
Hinterlasse ein Kommentar